Totenmoor

Die schottischen Hochmoore sind eine gespenstische Gegend. Mythen von Geistern, Feen und Teufeln sind so alt wie das Land selbst.
Der Jäger William Pickett glaubt nicht daran und verschwindet spurlos.
Jeder in diesem dünnbesiedelten Landstrich glaubt an einen Unfall. Das Moor hat sich seinen Tribut geholt, sagen sie. Aber die Verlobte von William Pickett glaubt das nicht.
Elisabeth Hazelwood reist aus London an um selbst nach ihm zu suchen.
Dabei stößt sie auf ein grauenvolles Geheimnis. William ist nicht der Erste der verschwunden ist.
Es gibt Dutzende andere. Plötzlich tauchen Leichen auf. Der Sumpf gibt sie preis und manche findet Elisabeth in dunklen Katakomben. Ihnen wurden die Lebern herausgerissen.
Und jemand … oder etwas … weiß, das Elisabeth da ist und … lauert auf sie.

In den Hochmooren Schottlands

William Pickett hatte an diesem Tag kein Jagdglück gehabt, genau wie an den beiden anderen Tagen zuvor. Ihm fehlte die sichere Hand und die Geduld eines Jägers. Nun hockte er schlotternd vor dem Feuer in eine Decke gehüllt und war mit sich und der Welt unzufrieden. Anfang Oktober in die Hochmoore Schottlands zu fahren war eine dumme Idee gewesen. Die Nässe war überall, in seinen Kleidern, in seinen Stiefeln. Bald schon würde der erste Schnee fallen. Er musste an seine Verlobte denken und wie tränenreich sie ihn verabschiedet hatte. Wie sehr wünschte er sich jetzt bei ihr zu sein. Cupcakes zu essen, ein Glas Genever zu trinken und mit ihr über die Londoner Neuigkeiten zu schwatzen.
„Tee, Sir?“ Die tiefe Stimme seines Begleiters holte ihn aus seinen Gedanken. Dankbar nahm er die Tasse, verbrannte sich die Lippen, fluchte und trank einen Schluck. Der Tee schmeckte schärfer als er erwartet hatte. „Was haben sie denn da reingetan, Harrows?“
„Ein Schluck Whisky vom Wirt aus Awamoore“, grinste er. Die oberen Schneidezähne fehlten, die er bei einer Schlägerei eingebüßt hatte. Harrows war großgewachsen, mit Armen wie Baumstämmen.
Die Männer tranken schweigend. Um sie herum Dunkelheit und Nebel, der über das Moor kroch, wie Gespenster, die zur Nacht erwachten.
Eine Viertelstunde Fußmarsch von hier gab es eine alte Kapelle. Dort hatten sie ihre erste Nacht zugebracht, aber es wimmelte dort vor Ratten, Schaben und sonstigem Ungeziefer.
Nun hatten sie einen relativ trockenen Platz gefunden, der ihnen genug Raum für das Lagerfeuer und ihr Zelt bot. Die Vorräte hatten sie in die abgestorbenen Äste einer verkrüppelten Esche gehängt.
„Die Rebhühner sind gleich fertig, Sir.“ Der angenehme Duft nach gebratenem Fleisch stieg William in die Nase und erinnerte ihn daran wie hungrig er war. „Wenn ich sie nicht hätte, würde ich verhungern.“
„Morgen haben sie sicher mehr Glück. Sie werden schon sehen.“
William winkte ab. „Ich geb es auf. Morgen fahren wir nach Hause. Ich sehne mich nach einem warmen Bad, meinem Bett und ich will Miss Elisabeth wiedersehen.“
„Wenn sie unbedingt wollen. Ich habe sicher nichts dagegen, Sir.“
Der Sumpf schmatzte, blubberte. Gelegentlich durchdrangen Schreie die Nacht, was William zuckend zusammenfahren ließ. Tiere, Menschen? Verlorene Seelen? Es war besser, wenn er nicht darüber nachdachte. „Ziemlich schauerliche Gegend, was Harrows?“
„Oh ja, Sir. Ich war in Spelunken, die mir keine solche Gänsehaut verursacht haben.“
„Davon haben sie mir nie was erzählt.“
Totenmoor„Ist eine Ewigkeit her, Sir. Ich bin einige Jahre zur See gefahren und hab so einiges gesehen, was man nicht für möglich halten kann.“
Beide waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie gar nicht bemerkten, wie sie aus der Dunkelheit hinaus beobachtet wurden.
Während die Männer redeten, machten sie sich über das spärliche Abendessen her. Für jeden zwei dürre Rebhühner, aus denen sie noch ein paar winzige Schrotkügelchen herausholen mussten, feuchtes Brot und dicke Bohnen, die einen quietschenden Ton von sich gaben, wenn man darauf herum kaute.
„Besser als im Palace“, nuschelte William mit vollem Mund.
„Aus Ihnen spricht der Hunger, Sir“, gab Harrows ebenso nuschelnd zur Antwort.
William lachte ertappt, doch erstarb es ihm in der Kehle.
Etwas durchbrach die unheimliche Stille, Wasser spritze wie Fontänen und direkt neben Harrows sprang etwas an Land. Er stolperte zur Seite. Sein Teller fiel zu Boden, Wachteln, Bohnen und Brot, wurden in den Dreck getreten.
William war aufgesprungen, dann aber taumelte er. Etwas hatte ihn in den Hals gestochen. Schon spürte er, wie seine Beine von einer bleiernen Schwere nach unten gezogen wurden. Er fiel auf die Knie kippte vorwärts und wollte sich abfangen. Aber seine Arme reagierten schon nicht mehr und er stürzte mit dem Gesicht voran in einen Klumpen Moos. Er spürte wie es seine Wange kitzelte.
Er konnte sehen wie Harrows zu seinem Gewehr stürzte, aber er stolperte, rutschte weg und schlug der Länge nach hin. Dann war ein Schatten über ihm. Riesig, monströs, schwarz. Packte ihn und riss ihn in die Höhe, als wäre er nicht schwerer als ein dürrer Zweig. Harrows strampelte, keuchte, schlug zu. Seine mächtigen Fäuste hieben auf die Kreatur ein. Nutzlos.
Es gab ein Knacken, als wäre jemand auf einen Apfel getreten und Harrows erschlaffte. Wie eine Puppe fiel seine Leiche zu Boden. Kopf und Schultern versanken in einer schlammigen Pfütze. Dann wurde der Tote gepackt und fortgetragen, fort aus Williams Blickfeld, das immer trüber wurde.
Flammen und Schemen, Bäume und Sumpf verschmolzen zu einem einzigen Brei aus schmutzigen Farben. Die Welt um ihn herum wurde dunkler und ehe ihn eine gnädige Bewusstlosigkeit einhüllte, sah er den Schatten, wie er sich aus dem Wasser erhob und langsam auf ihn zuwankte.
Williams letzter Gedanke galt Elisabeth.

2 Comments

  1. Sophia Neumann sagt:

    Super spannend erzählt. Man möchte direkt wissen wie es weiter geht.
    Ich hoffe man erfährt bald wie es weiter geht. Tolle Atmosphäre, bitte mehr davon

  2. Ivo sagt:

    Macht Spaß zu lesen. Könnte nur gern was mehr Text sein, aber
    ich werde immer wieder mal auf ihre Seite schauen.

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