Three Oaks

Colorado, Winter 1879. Der junge Arzt Allan Kerrish ist auf der Flucht vor den Männern von Senator Cahill.
Auf seinem Weg durch die verschneite Landschaft rettet er Catherine Archer das Leben.
Ihr Mann wurde ermordet, und die Täter sind mit der Besitzurkunde für die Archer-Goldmine über alle Berge.
Der Doktor und die Witwe landen in dem trostlosen Goldgräbernest Three Oaks – einem gesetzlosen Ort, in dem allein das Recht des Stärkeren zählt.

Ritt durch die Weiße Hölle

Allan Kerrish war so müde, so unendlich erschöpft, dass er sich am liebsten in den Schnee gelegt hätte, um zu schlafen und nie wieder aufzuwachen. Doch noch war sein Lebensfunke nicht erloschen, und er wollte nicht kapitulieren, nicht vor der Natur und nicht vor den Männern, die ihn seit jenem unglücklichen Tag in Santa Fè verfolgten. Er war vor ihnen bis nach Colorado, in die Rockys geflohen. Er hasste diese Kerle. Sie waren wie Bluthunde – nur, dass diese Bluthunde Winchester-Gewehre und Colts trugen. Zweimal war er ihnen nur knapp entkommen und ihretwegen war er nun gezwungen, durch diese verfluchte Kälte zu reiten, statt im warmen Santa Fé Bauchweh zu kurieren, Knochen zu schienen und Kindern auf die Welt zu helfen.
Mit der linken Hand umklammerte er die Zügel, mit der rechten hielt er die Decke fest, die er als notdürftigen Mantel benutzte. Außer der Stute, einem Anzug voller Löcher und Flecken und einem Colt Peacemaker, der nicht funktionierte, war ihm nichts geblieben. Er hatte nichts mehr zu essen. Wollte er trinken, nahm er Schnee in den Mund. Die Kälte stach ihm dann durch die Zähne direkt ins Gehirn. Für eine heiße Tasse Kaffee oder einen warmen Apfelkuchen, wie ihn seine Mutter immer gemacht hatte, hätte er töten können.
Sein Magen knurrte. Das Pferd schnaubte, während es sich schwer durch eine Schneewehe kämpfte, die sich zwischen den Tannen angehäuft hatte. Er hatte sich angewöhnt, in regelmäßigen Abständen über die Schulter zu blicken.
Von seinen Verfolgern hatte er aber seit einer Woche nichts mehr gesehen. War es ihm endlich gelungen sie abzuhängen?
Ein hoffnungsvolles Lächeln stahl sich auf sein unrasiertes Gesicht, das gleich wieder erstarb. Denn im Grunde spielte es keine Rolle, ob er nun erschossen wurde oder hier erfror, am Ende wäre er so oder so tot.
Er stemmte sich in die Steigbügel und sah den Weg entlang, den er noch nehmen musste. Wald. Pinien und Tannen, soweit das Auge reichte. Rechts erhoben sich schneebedeckte Berge. Erstarrte Wasserfälle hingen zwischen den zerklüfteten Felsen, in denen er Gabelböcke herumspringen sah. Zu gerne hätte er auf einen angelegt, ihn aus der Wand geschossen, seine Zähne in das noch warme, rohe Fleisch geschlagen. Aber sie waren viel zu weit weg und viel zu hoch. Trotzdem zog er den nutzlosen Revolver. Wieder versuchte er den Hahn zu spannen, wie schon unzählige Male zuvor. Ohne Erfolg. Das Mistding klemmte. Ich könnte mich nicht einmal selbst erschießen, dachte er bitter.
Vor den Augen tanzten wilde, flirrende Punkte; trotz des Schals brannte sein Gesicht vor Kälte.
Er schob die Waffe zurück in das Holster, vergrub seinen Kopf unter der Decke und überließ es dem Pferd, den Weg zu finden.
Ihr beider Atem hing wie Eisnebel in der Luft.
Nach einer Weile fing es an zu schneien, und die Dämmerung setzte ein. Zum dritten Mal, seit er in diese verfluchte Gegend gekommen war, musste er ein Nachtlager finden.
Hier gab es Wölfe. Er hatte sie gehört, ihr Schnaufen und Hecheln, wie sie ihn im Schatten des Waldes verfolgten, und ihre gelben Augen in der Nacht gesehen, wie sie ihn beobachteten.
Sein Pferd kam inzwischen nur noch langsam voran, es wankte vor Erschöpfung durch den Schnee, bis es schließlich keinen Schritt mehr tat.
Kerrish stieg aus dem Sattel. Die Beine waren taub, in seinen Händen hatte er kaum noch Gefühl, und trotzdem ging er voran und zog das störrische Pferd hinter sich her. „Komm schon. Wir finden ein warmes Bett für mich und einen schönen großen Stall für dich.“ Er grinste als hätte er einen guten Witz gemacht. Tatsächlich hätte er lieber losgeheult wie ein kleines Kind und gewartet bis der Tod ihn endlich holen würde
Schritt für Schritt ging er voran, Gedanken gab es nicht mehr, Verzweiflung und Hunger machten jede Bewegung zur Qual. Doch dann öffnete sich der Wald. Baumstümpfe ragten aus dem Schnee heraus. Da entdeckte er einen alten Karren neben dem Weg und hörte das Rauschen eines Flusses, weit unter sich.
Aber da war noch etwas anderes. Etwas, das ihn mit neuer Kraft erfüllte. Wie ein Schloss in einem Traum stand sie plötzlich vor ihm. Eine Hütte aus dicken Stämmen, mit einem Dach aus Rinde und einem kleinen Stall.
Kerrish sah zu seiner Stute, die kaum noch in der Lage war den Kopf zu heben. „Siehst du das? Verdammt! Siehst du das?“ Er lachte hysterisch, seine Stimme überschlug sich und kehrte als Echo von den Berghängen zu ihm zurück. Siehst… du… das… du… das, hallte es.
„Ich hab’ dir nicht zu viel versprochen, nicht wahr?!“
Halb stolpernd, halb rennend, zog er sein Pferd hinter sich her. Immer die Hütte im Auge behalten, rasten seine Gedanken, bloß nicht blinzeln, damit sie nicht einfach wieder verschwindet. In dem Fall hätte der Tod einen letzten, grässlichen Scherz mit ihm getrieben, ehe er ihn endgültig fertig machen würde.
Aber die Hütte war da, trotzte der Kälte und dem Schnee. Sie schien verlassen. Der Eingang war zugeweht, die Fenster mit hölzernen Läden verrammelt.
Mit bloßen Händen tauchte er in den Schnee, fegte ihn beiseite, keuchte, schwitzte. „Gleich, ich hab’s gleich!“, rief er seinem Pferd zu. „Da ist der Riegel!“ Zitternd hob er ihn an und stemmte sich gegen die Tür. Sie hielt stand. Kerrish warf sich mit der Schulter dagegen. Nichts. Dann nochmal und nochmal. Plötzlich gab die Tür nach. So plötzlich, dass er das Gleichgewicht verlor, voran stolperte und der Länge nach in den Raum stürzte.
Einen Augenblick lang saß er mit offenem Mund staunend auf dem Boden, dann lachte er aus vollem Hals. „Wir haben es geschafft! Jaaa!“ Kerrish kam auf die Füße und schüttelte die Faust gegen die offene Tür. „Du kriegst mich nicht. Hast du gehört, Tod?!“
Noch in der Bewegung erstarrte er. Sein Pferd lag ausgestreckt im Schnee.
„Nein, nein. Wir haben es doch geschafft! Du darfst jetzt nicht sterben.“ Auf allen Vieren stolperte er wieder in den Schnee hinaus, hin zu seinem Tier, das kaum noch atmete. Kleine Dampfwölkchen stiegen noch vor den Nüstern auf.
„Hoch mit dir. Steh auf.“ Verzweifelt zerrte er an den Zügeln, aber sein Pferd reagierte nicht mehr. Ein letztes Zucken, ein letzter Atemzug, der den braunen Leib erbeben ließ, dann war es tot.
Kerrish blieb auf den Knien hocken, hielt den Kopf des Tieres auf dem Schoss. Vier Jahre war sie bei ihm gewesen, hatte ihn aus jeder Gefahr heraus gebracht, und er hatte ihr noch nicht einmal einen Namen gegeben.
„Du Bastard!“, schrie er gegen den aufkommenden Sturm an, der mit eisigen Fäusten an ihm zerrte. Das Schneetreiben wurde dichter. Er musste zurück ins Haus, wollte er nicht auch erfrieren. Seine Fußspuren waren schon nicht mehr zu sehen, als er durch die Tür stolperte, die er hinter sich zuschlug.
Auch hier war es bitterkalt und dunkel, er brauchte unbedingt ein Feuer. Er stieß einen der Fensterläden auf, um das letzte Licht des Tages einzulassen, damit er die Hütte durchsuchen konnte.
Der Wind pfiff um das Haus, jaulte und kreischte, als würden die Diener des Teufels den Berg hinabsteigen.
Kerrish sah sich um. Es gab einen Tisch, einen Schaukelstuhl, eine Bank und ein Regal, auf dem vier von Spinnen eingewobene Töpfe standen. Ein grob gezimmertes Bett, auf dem ein paar Felle lagen, stand neben dem Kamin. Ein Stapel Holz lag aufgeschichtet daneben. Ein rostig gewordenes Beil steckte in einem der Scheite. Alles wirkte so, als wäre der Besitzer nur kurz vor die Tür gegangen, um gleich wieder zurückzukehren.

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