Der alte Mann

Irgendwann im Herbst

Da saß der alte Mann, dort auf der Bank vor dem Friedhof. Sein Blick, trüb und glasig. Ein paar Tauben gurrten zu seinen Füßen auf der Suche nach Futter. Er sah sie nicht, er spürte auch nicht die Kälte oder den Oktoberwind, der die Blätter von den Bäumen riss.
Sieben Tage war sie jetzt tot. Sieben Tage war er jetzt alleine, nachdem er fünfzig Jahre keinen Tag ohne sie zugebracht hatte.
Er vermisste sie, so sehr dass es schmerzte. Ihr Lachen klang noch in seinem Kopf und er sah die Güte in ihren braunen Augen. Seine Hände waren eiskalt, genau wie sein Herz. Er aß kaum noch und wenn er schlief, dann meist nicht länger als ein paar Stunden. Doch selbst dann konnte er keinen Frieden finden. Er träumte von ihr. Hörte ihre Stimme, die ihm süße Worte ins Ohr flüsterte. Dann wachte er meist auf und fühlte sich allein. Schrecklich allein.
Er erhob sich von der Bank. Sieben Uhr. Zeit nach Hause zu gehen. Um halb acht gab es Abendbrot. Ach, nein.
Wie dumm. Niemand wartete mehr auf ihn. Dennoch, einer langen Gewohnheit konnte man nicht trotzen und so machte er sich auf den Rückweg. Blätter und die Reste einer Zeitung umwirbelten ihn.
Die Zeit lief weiter, drehte sich und kümmerte sich nicht um die Trauer eines alten Mannes.
Warum sollte sie auch? Es gab größere Themen und andere Sorgen als den Tod seiner geliebten Frau.
Ein Auto hupte, jemand fluchte. Der alte Mann hörte nicht hin, es galt ihm, aber es kümmerte ihn nicht. Rote Ampel? Sollten sie ihn doch überfahren. Seine Frau war auch gerne Auto gefahren, viel lieber als er, doch nach ihrem Schlaganfall vor sieben Jahren hatten sie ihr Auto abgeschafft.
In den letzten Jahren hatte sie immer gesagt, sie sei alt. Aber das stimmte nicht. Für ihn war sie immer schön und jung gewesen, voller Leidenschaft und Abenteuerlust. Sie war es, die die Begeisterung für das Leben in ihm geweckt hatte. Flohmärkte, Spaziergänge im Regen, nackt schwimmen im Mondlicht. Sie hatte ihm gezeigt wie man Kirschkerne weit spucken konnte oder wie man Tango und Walzer tanzt.
Von einem nahen Cafè drang leise Musik zu ihm. Er konnte sie hören, wenn der Wind auch eine andere Melodie spielte.
Vor dem Schaufenster eines Blumenladens blieb er stehen und streckte die Hand aus. Da war sie. Seine Frau. Er sah sie ganz deutlich in ihrem weißen Hochzeitskleid, doch als er ihr Gesicht berührte verschwand sie, wie ein Traum den man nicht festhalten kann.
Tränen schossen ihm in die Augen. Ihm war als legte sich eine eisige Klammer um sein Herz. „Bitte geh nicht weg“, schluchzte er. „Lass mich nicht allein.“
Doch gleich was er sagte, im Schaufenster blieb nur sein trauriges Spiegelbild zurück.
Er schleppte sich weiter, gedankenverloren und versunken in einer anderen Zeit bemerkte er nicht wie die Nacht herauf kroch und die Straßenlaternen ihr kaltes Neonlicht einschalteten.
Nach einer Weile erreichte er die Straße in der sie wohnten. Das Haus hatten sie nach dem Krieg mit eigenen Händen gebaut. Es war ihr Palast gewesen, ihre Höhle, die Zuflucht in der sie sich geborgen fühlten.
Der Schlüssel fiel leise auf die Kommode im Flur. Jetzt war dieser Ort erfüllt von Stille. Sie hatten nie Kinder gehabt, waren sich immer selbst genug gewesen und in all den Jahren nie überdrüssig geworden. Jetzt aber vermisste er jemanden der auf ihn wartete und der ihm zuhörte, wenn er von den alten Zeiten erzählte. Die Diele im Flur knarrte wieder.
Wie oft hatte sie ihn darum gebeten, dass er sie reparieren solle. Jetzt war es nicht mehr nötig.
Ihr Geruch lag noch wie ein Schleier in der Luft. Er liebte diesen Duft von Lavendel, ohne ihn konnte er nicht einschlafen. Mit einem traurigen Lächeln blieb er vor dem Kamin stehen. Da war sie, wenn auch nur als Erinnerung auf vergilbten Fotos. Bei einem Ausritt an der Küste, bei ihrer Kreuzfahrt vor vierzehn Jahren in der Karibik. Sie beide vor der Hochzeitskutsche. Zärtlich strichen seine Finger über die Bilderrahmen. Was war das Leben noch wert, wenn man das Liebste verloren hatte?, fragte er sich traurig und fasste einen Entschluss. Mechanisch holte er sich etwas zu trinken und legte sich auf die Couch.
Vier Wochen später fand man den alten Mann. Vor sich ein leeres Döschen Schlaftabletten.

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