Dead Men’s Rest

Der junge Mann war nie zuvor in dieser Stadt gewesen. Kalt war sie und schwarz. Die Straßen lagen still. Er hielt seine Tasche und das Gewehr so fest umklammert, als könnten sie ihn vor dem bewahren, was er in der Dunkelheit zu sehen glaubte. Dann suchte er den Himmel ab, suchte nach dem Mond oder einem Stern, der ihm den Weg gewiesen hätte. Aber es gab nur Wolken, die sich ineinander schoben.

Stunde um Stunde verging. Verzweiflung machte seine Schritte schwer. Wo war er und was tat er hier?

In diesem Moment, in dem er bereits aufgeben wollte, sah er ein Licht. Ein Licht, das Wärme und Geborgenheit versprach. Er rannte darauf zu und erkannte eine Laterne über dem Schild einer Herberge. Death Men`s Rest, stand dort. Was für ein schauerlicher Name, ging es ihm durch den Kopf. Er klopfte. Aus dem Inneren näherten sich Schritte. Ein Riegel wurde zur Seite geschoben und man öffnete ihm.

Fremd

Eine alte Frau mit schneeweißem Haar stand vor ihm. Ihre Augen wurden von einem milchigen Schimmer getrübt, dennoch betrachtete sie ihn eingehend und lachte dann. Auf unangenehme Art fühlte er sich an eine Hexe aus irgendeinem Märchen erinnert.
„Guten Abend, Madam“, sagte er ein wenig eingeschüchtert. „Kann ich hereinkommen?“
Die Alte wurde ernst. „Haben Sie denn Geld dabei junger Mann?“
Hastig durchsuchte er seine Taschen. Da klimperte etwas. Zwei Schillinge.
„Das genügt. Kommen Sie. `s wieder Krieg?“, fragte die alte Frau gleichmütig, ganz so als redete sie über das Wetter.
Das verwirrte ihn und er sah auf sein Gewehr. „Ich… ich weiß es nicht.“
„Irgendwo ist immer Krieg“, erwiderte sie gleichgültig und ging voran.
Er folgte ihr. Ein schwerer Geruch drang ihm in die Nase. Weihrauch.
„Wo bin ich hier?“, fragte er, froh darüber das eintönige Schlurfen ihrer Schritte mit seiner Stimme übertönen zu können.
„In meiner Herberge.“
„Ich meine in welcher Stadt?“
Die Alte blieb stehen und musterte ihn, als wäre er nicht recht bei Verstand. „Sie haben doch hergefunden.“
„Ich kann mich aber an Nichts erinnern.“ Er spürte wie ihm die bange Ungewissheit die Kehle zuschnürte.
„Das gibt sich. Kommen Sie.“
Sie folgten einem Korridor in dem Kerzen brannten. Die schwachen Flämmchen zuckten wie beseelt und beleuchteten eine Vielzahl an Kreuzen und Heiligenbilder. Von hier kam der Geruch des Weihrauchs. Plötzlich blieb er stehen, denn er glaubte das Antlitz seiner Mutter in einem der Bilder zu entdecken. Er schüttelte den Kopf und wischte sich über die Augen. Er sah schon Gespenster. Seine Mutter war schon seit Jahren tot. „Wohnen Sie alleine hier?“, fragte er.
„Ich bin nie alleine.“

 

Sie näherten sich einer schmucklosen Eichentüre. Dahinter konnte er ein dumpfes Brummen ausmachen, wie von einem Bienenstock. Die Alte öffnete ihm die Tür.
Er fand sich in einer großen Schenke wieder. Dutzende Tische gab es, allesamt besetzt von Männern in Uniform. Er erkannte Franzosen, Engländer, Belgier und Deutsche. Für einen Moment konnte er dem Flüstern ihrer Stimmen lauschen, bevor alle verstummten und ihre Aufmerksamkeit auf ihn richteten.
Die Alte deutete in den Raum. „Diese Herren werden noch länger bleiben.“
„Wieso denn?“
„Sie haben kein Geld. Ich lasse niemanden gehen, wenn er nicht zahlen kann.“ Dann sah sie den jungen Mann freundlich an. „So ist es eben. Wollen Sie etwas trinken?“
„Ja, gerne“, stammelte er, eingeschüchtert durch die stumpfen Blicke der Gäste. Er folgte an die Theke. Was war das für ein Ort? Die Alte hatte von Krieg gesprochen. Welcher Krieg? Wer gegen wen?
Ein volles Glas, das vor ihn hingeschoben wurde, lenkte seine Gedanken in eine andere Richtung und er spürte wie durstig er mit einem Mal war. „Was macht das?“
„Geht aufs Haus.“
„Vielen Dank.“ Er nippte an dem Glas, als die Alte zu ihm sagte. „Ihr Zimmer ist gleich fertig.“
„Mein Zimmer? Ich will doch gar kein Zimmer.“
„Alles gut, Jungchen. Es ist alles so wie es sein soll.“
„Jungchen?“, wiederholte er brüskiert. Dieser joviale Wechsel in eine plumpe Vertrautheit ärgerte ihn. Sein Vater hatte ihn immer Jungchen genannt und er hatte es gehasst. Eine verdrängte Wut stieg in ihm hoch und er wollte ihr seinen Namen ins Gesicht schreien, aber er blieb stumm. Wie war sein Name? Da spürte er ihre Hand auf seinem Arm, was ihn auf eine gewisse Weise beruhigte. „Mach Dir keine Sorgen. Du wirst Dich erinnern, glaub mir.“
„Wieso sind Sie da so sicher?“
„Ich weiß es eben.“
Draußen näherte sich eine Kutsche, begleitet vom Wiehern der Pferde und dem Schlag ihrer Hufe. Sie hielt vor der Herberge. Zeitgleich öffnete sich im Obergeschoss eine Tür und ein Mann kam die Stufen hinunter. Er trug eine englische Uniform. Sie war makellos und stand in krassem Kontrast zu dem eingefallenen Gesicht, dass alle Schrecken der Welt gesehen hatte. In seiner Hand trug er eine Tasche, ähnlich der, wie sie auch der junge Mann besaß. Die Gespräche verstummten und alle Augen hefteten sich auf den Soldaten. Neid war darin zu lesen, Wehmut und ebenso Mutlosigkeit.
Die Alte sagte: „Dein Zimmer ist fertig. Geh hinauf.“ Dann nahm sie den Soldaten bei der Hand und führte ihn zum Ausgang. Hinter ihnen fiel die Türe ins Schloss. Damit richteten die Anwesenden erneut ihre Aufmerksamkeit auf den jungen Mann. Ihre Erscheinung wandelte sich. Augen wurden weiß und brachen. Haut wurde grau und vertrocknete wie das Fleisch, das von Maden zerfressen wurde. Lippen zerfielen zu Staub und ließen bleiches Hohngelächter zurück.
Der junge Mann wurde von einer solchen Furcht ergriffen, dass er seine Tasche ergriff und die Treppe hinauf rannte. Sein Gewehr ließ er zurück.
Oben angekommen stürmte er durch die einzige Tür die es gab und schlug sie hinter sich zu. Schwer atmend stand er in seinem Zimmer. Es war klein. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und eine Waschgelegenheit mit einem angelaufenen Spiegel. Über der Tür hing ein Kreuz. Gegenüber der Tür gab es ein Fenster. Er ließ seine Tasche auf den Stuhl fallen, bevor er vor das matte Glas trat, hinaus schaute und in ein Zwielicht blickte. Die Dämmerung zwischen Nacht und Tag.
In einiger Entfernung hörte er das Rauschen eines Flusses, den er nicht sehen konnte, denn schon bald versperrte ein Nebel die Sicht, so dicht und schwer wie ein Leichentuch. Irgendwann sah er die Kutsche. Rumpelnd und in einem höllischen Tempo raste sie auf den Nebel zu und verschwand darin. Alles was blieb war Stille. Der junge Mann wusste nicht was er tun sollte. Sich schlafen legen? Er war nicht müde. Wieder in den Schankraum gehen? Niemals. So zuckte er mit den Schultern und setzte sich auf das Bett, das seltsamerweise sauber und ordentlich gemacht war. „Was ist das hier?“, fragte er in diese fürchterliche Stille hinein. Ein Traum? Ein Alptraum? Er nahm seine Tasche und öffnete sie. Oben auf lag ein gerahmtes Bild, das ihn sitzend auf einem Stuhl zeigte.
Neben ihm stand seine Mutter, Regina, die Hand auf seiner Schulter. Zu seiner rechten, sein Vater, Walter. Wieso konnte er sich nicht an seinen eigenen Namen erinnern? Kopfschüttelnd legte er das Bild beiseite. Darunter fand er ein weiteres im goldenen Rahmen. Wieder erkannte er sich selber, diesmal vor einer Hecke stehend, eine junge Frau im Arm. Amelie. Seine Verlobte. Sie zu sehen und auch nur auf einem Foto versetzte ihm einen schmerzhaften Stich. Tränen füllten seine Augen. Seine Hand strich zärtlich über das Bild. Er weinte und verfluchte seinen Vater, der zu ihm sagte, dass nur Schwächlinge weinten. Irgendwann rollte er sich zusammen und schlief ein. Doch bereits nach kurzer Zeit schrak er hoch. Maschinengewehrfeuer, Kanonendonner und Schreie hatten ihn geweckt. Erschrocken fuhr er hoch. Der Stahlhelm drückte auf seine Stirn. Durch seine Stiefel drang die kalte Nässe eines schlammigen Schützengrabens. Angst, Panik. Männer rannten an ihm vorbei, jemand schrie einen Befehl. Dreck flog ihm heiß und dampfend in den Nacken. Er wirbelte herum. Granaten zerfetzten die Erde und wirbelten Stacheldraht in die Höhe. Männer brüllten vor Schmerzen. Unfähig sich zu bewegen, blieb er wo er war. Um ihn herum lagen zerfetzte Leichen. Blut und Eingeweide tränkten den vom Regen durchweichten Boden. Da ein abgerissener Arm, dessen Hand noch immer ein Gewehr umfasste. Dort ein blutiger Kopf. Die Augen weit aufgerissen. Schreiend erwachte er. Weit entfernt, im tiefsten Winkel seines Seins verklang ein letzter Kanonenschlag. Er sprang eilig auf um sich mit Wasser aus der Waschschüssel Linderung zu verschaffen und erschrak vor seinem eigenen Spiegelbild. Seine linke Gesichtshälfte war zerfetzt und zu einer blutigen Masse zusammen gefallen. Seine weißen Zähne schimmerten durch die aufgerissene Wange und dort wo sich einstmals Ohr und Stirn befunden hatten, gab es nur verkohltes Fleisch. Mit einem Aufschrei taumelte er vom Spiegel zurück und stolperte über den Stuhl. Als er stürzte, erwachte er. Er lag noch in seinem Bett, Amelie`s Bild in der Hand. Sein Herz schlug so hart, dass er es in seinem Hals spüren konnte. Mit weichen Knien stand er auf um erneut in den Spiegel zu sehen. Es war so wie immer. Sein Gesicht war makellos. Eine Weile blieb er stehen, dann gab er sich einen Ruck und setzte sich wieder aufs Bett. Von einer unheilvollen Sorge befallen, griff er erneut in seine Tasche und zog ein Medaillon heraus. Amelie lächelte ihm von einem Foto entgegen. Sie hatte es ihm als Glücksbringer geschenkt, auf einer Feier zu seinem Abschied. Sofort fiel sein Blick auf das Foto, welches ihn in Uniform zeigte. Es war der Tag vor seiner Abreise gewesen. Danach hatte der Krieg für ihn begonnen. Er nahm ihr Bild und erinnerte sich. An jenem Abend hatte er gelobt sie nach seiner Rückkehr zu heiraten. Mir ihr wollte er alt werden. Die Nebel seiner Erinnerungen begannen sich aufzulösen und sein Vater trat durch die Schemen, vor sein inneres Auge. Er wollte nicht an seinen Vater denken, aber er ließ sich nicht vertreiben. „Sei tapfer mein Sohn“, hatte er gesagt. „Mach mir keine Schande.“
Er wollte nicht in den Krieg ziehen. Er war nicht bereit sein Leben für etwas aufs Spiel zu setzen, dass er nicht verstand. Er wollte in Ruhe leben. Wollte arbeiten, Amelie lieben und mit ihr Kinder haben. Die großen Ziele und Ideale, die zu diesem Krieg aufriefen waren nicht seine Ziele und nicht seine Ideale. Sein Vater war die treibende Kraft gewesen. Was hätten die Nachbarn gesagt, wenn sein Sohn kein Gewehr genommen hätte? Das Antlitz seines Vaters verschwand, die Worte, aber blieben. „Besser Du stirbst heldenhaft, als dass Du als lebender Feigling zurückkehrst.“ Er hasste seinen Vater und war froh als er verschwand. Er griff ein weiteres Mal in die Tasche. Etwas klimperte leise. Es war seine Erkennungsmarke. Sie war verbeult und mit Blut bespritzt. Ein banges Gefühl legte sich um sein Herz, als er sich auf dem Bett ausstreckte und seinen wiederkehrenden Erinnerungen Aufmerksamkeit schenkte. Ob Traum, Erinnerung oder Wirklichkeit, die Grenzen waren fließend. Blitzte durchzuckten die tiefhängenden Wolken. Unmittelbar darauf folgte das wütende Grollen des Gewitters. Mit einem Mal peitschte Regen über das Land, rann an den Fensterscheiben hinab, die plötzlich aufsprangen und zerbarsten. Jetzt zerriss auch der letzte Schleier und die Ereignisse trafen ihn mit aller Wucht, wie es nur schreckliche Erinnerungen tun konnten.
Mit gesenktem Kopf saß er in einem zerschossenen Haus, mitten im Niemandsland zwischen deutschen und englischen Schützengräben. Um ihn herum, Zerstörung und tausendfacher Tod. Seit ein paar Tagen saß er hier fest, zusammen mit zwanzig anderen. Es gab kein sauberes Wasser und nichts zu essen. Ratten rannten über das Schlachtfeld und fraßen die Toten, die in den Bombenkratern verrotteten.
Der Sturmangriff, der sie hergebracht hatte, war blutig zurückgeschlagen worden. Zu hunderten waren seine Kameraden den Maschinengewehrgarben zum Opfer gefallen. Bis hier, mitten im Nichts waren die Überlebenden gekommen. Und dann, am fünften Tag, kamen sie.
Ohne es zu merken war er von seinem Bett aufgestanden und an das zersplitterte Fenster getreten. Der Nebel war lichter geworden. Hunderte kleine Lichter flackerten. Dann hörte er Hufschlag. Die Kutsche kehrte wieder. Er wusste, sie kam seinetwegen. Ein letztes Mal ließ er sich auf dem Bett nieder. Ihm blieb noch etwas Zeit und er kehrte in seine Erinnerung zurück.
Er sah sich wieder an dem zerschossenen Fenster im Niemandsland der Front stehen und auf die grau, grüne Masse starren, die brüllend auf ihn zustürmte. Kugeln schlugen in den Stein neben ihm. Er war unfähig auch nur einen Muskel zu rühren, die Menge der Feinde, die wie eine Lawine auf ihn zurollte, lähmte ihn. Näher, näher. Dann schoss eine große Flammenlohe durch das Fenster auf ihn zu. Brennende Flüssigkeit klebte an seinem Kopf. Der Gestank nach verkohltem Fleisch drang ihm in die Nase. Die Luft brannte und versengte ihm die Lungen. Er spürte wie er stürzte, um im gleichen Moment im Gesicht getroffen zu werden. Er schlug auf dem Boden auf. Seltsamerweise spürte er keine Schmerzen, aber klebriges Blut füllte seinen Mund und er spürte einen Lufthauch, dort wo einmal seine linke Wange gewesen war. Im Hinterkopf klaffte ein Loch.
Der junge Mann stand vom Bett auf und sah zur Türe, die sich im gleichen Moment wie von Geisterhand öffnete. Es war soweit. Er musste gehen. Er stieg in den Schankraum hinab. Die Gäste erwarteten ihn mit anklagenden Blicken, während die Alte lächelte. „Du hast es verstanden?“, fragte sie und er nickte schwach.
„Gut. Komm jetzt.“
Sie führte ihn vor das Haus. Der Kutscher stand dort und wartete, eine finstere Gestalt in langem Mantel. Er beugte sich hinab und streckte die Hand aus. „Hast Du was ich verlange?“, fragte er mit Grabesstimme. Der junge Mann wusste was man von ihm erwartete. Er griff in die Tasche, holte die zwei Schillinge hervor und gab sie dem Kutscher. Die Türe öffnete sich und er stieg ein.
„Wohin fahren wir?“, fragte er.
„Über den Fluss, auf die andere Seite.“ Dann fuhr er los. Sie fuhren schnell. Der Fahrtwind brauste an den Fenstern vorbei. Die Nebel waren verschwunden. Als er aus dem Fenster sah, war ihm, als würden sie auf einem Strom aus Sternen fahren. Das erschien ihm so fremd und war doch gleichsam voller Ruhe. Sie erreichten den Fluss. Menschen standen dort. Wie viele es waren konnte er nicht sagen, denn er sah sie nur als Schatten, Grau und Schwarz wie verwehender Rauch. Ihre Traurigkeit erreichte und berührte ihn. Er sah angestrengt zu ihnen und für einen Moment erkannte er ein Gesicht. Amelie. Dann hatte die Kutsche die Brücke überquert. Die Schatten verschwanden und verschmolzen mit den Sternen. Vor ihm erstrahlte der Weg im Licht hunderter Kerzen, die er von seinem Fenster aus gesehen hatte. Eine Frau mit langem, gelocktem Haar trat neben den Weg. Es war seine Mutter, die ihm zulächelte und ihm freudig die Hände entgegen streckte. Die Kutsche hielt an und der junge Mann stieg aus. Er war angekommen.
Private Howard Gorick
Geboren: Brighton 24.März.1895 | Gefallen: Ypern 1.November.1914

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.