Angel Island

Angel Island
Horroranthologie
Erschienen bei : Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-404-17075-3

Angel Island ist eine beschauliche kleine Insel. Die Einwohner leben seit jeher in Eintracht und Frieden miteinander. Doch an Halloween ändert sich alles. Denn dies ist der Tag, an dem das Böse nach Angel Island kommt.

Acht gruselige Horrorgeschichten in der Tradition von Stephen King, Dean Koontz und Peter Straub.

Die Mauern von Ronwick Abbey

„Ronwick Abbey war ein heiliger Ort, Kinder. Aber dann kam das Böse und vergiftete ihn“, sagte Pfarrer Barton unheilvoll. Seine Messdiener saßen da und warteten gespannt darauf, dass er weiter erzählte. „Menschen verschwanden und wurden nie wieder gesehen. Das Vieh verendete in den Ställen und manchmal, in der Nacht, sah man unheimliche Lichter über den Dächern der Abtei.“ Er richtete sich ein Stück weit auf und sah zum Fenster. „Besonders, ja, besonders in einer nebligen Nacht wie dieser.“
Die Jungen zuckten zusammen, als irgendwo im Kirchenschiff eine Türe knarzte. „Was geschah dann?“, fragte Roderick, der Mutigste unter ihnen.
„Es war der schwarze Abt, der für das Grauen verantwortlich war, das unsere Insel heimsuchte. Er hatte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Ewiges Leben für Treue und Knechtschaft. Das war der Preis. Dafür lästerte er jedes von Gottes Geboten. Und dafür wurde er bestraft. Man mauerte ihn bei lebendigem Leib in den Gewölben der Abtei ein und versiegelte den Eingang. Achthundert Jahre ist das jetzt her und doch kann man noch immer in einer Nacht des Jahres seine Schreie hören.“
Die Jungs schluckten. „Wann… wann ist das denn?“, brachte der kleine Phillip mit stockender Stimme heraus, die Augen vor Schreck weit aufgerissen.
„Heute“, sagte Barton mit einer Stimme, die geradewegs aus dem Grab zu kommen schien. „An Halloween, dem Fest der Toten.“ Dann lachte er und ließ eine Schale mit Süßigkeiten herumgehen. „Aber ihr glaubt mir ja eh nicht. Ihr seid schon viel zu erwachsen um an Gruselgeschichten zu glauben. Oder?“ Er kämmte sich eine graue Strähne aus dem Gesicht und stützte sich auf seinen Stock, der mehr eine Angewohnheit, denn eine Notwendigkeit war und richtete sich auf.
„So. Jetzt aber rasch nach Hause mit euch. Eure Eltern machen sich sicher schon Sorgen wo ihr bleibt.“
Die Jungs verabschiedeten sich lachend, schwangen sich auf ihre Räder und brausten davon. Nur Roderick blieb noch einen Moment und sah Barton mit entschlossener Miene an. „Der schwarze Abt soll nur kommen!“, rief er ihm zu und schüttelte seine kleine Faust. „Dann bekommt er von mir ein paar auf die Nase!“
„Jetzt verschwinde schon! Und fahr vorsichtig. Wir sehen uns nächsten Sonntag!“ Aber das hörte der Junge schon nicht mehr.
„Kleiner Rabauke“, grinste Pfarrer Barton und machte sich auf den Heimweg. Gegen die Kühle des Abends und den heraufziehenden Herbstnebel hatte er sich mit einer Strickjacke gewappnet, die ihm viel zu groß war. Sie war unzählige Male geflickt worden und doch brachte er es nicht übers Herz sie wegzuwerfen. Der kurze Fußweg zu seinem Haus, führte über den Friedhof. Er blieb stehen und holte eine gekreuzigte Jesusfigur aus der Tasche. Im Brustkorb der Figur steckte ein winziger Rubinsplitter, dort wo das Herz saß. Dann sah er zu den Ruinen der Abtei hinüber, die sich außerhalb von Kilmaley auf einem sanft ansteigenden Hügel erhoben. Im letzten Licht des Tages konnte er Kräne und Baumaschinen erkennen. Irgendein Investor wollte die Abtei aus ihrem Dornröschenschlaf wecken um dort ein Hotel zu errichten. Ohne es zu bemerken strich er mit dem Daumen über die Figur. Eine Angewohnheit, die so selbstverständlich war wie atmen und schlafen. Du hast den Kindern ganz schön Angst eingejagt, hörte er eine vertraute Stimme und er sah lächelnd auf die Figur. Hatte sie ihn gerade vorwurfsvoll angeschaut? „Sie wollten sie doch hören“, rechtfertigte er sich. Seit er die Figur in einer Kiste im Keller gefunden hatte, war sie für ihn etwas Besonderes. Manchmal glaubte er, sie redete wirklich zu ihm.
Der Nebel brachte die Oktoberkälte und er begann zu zittern. Er freute sich auf sein zu Hause, eine Tasse Tee und ein gutes Buch.
Sein Haus lag nur einen Steinwurf von seiner Kirche entfernt und doch kam es seinen müden Knochen so vor, als wäre er ewig lange unterwegs gewesen.
Gerade als er seine Türe aufschließen wollte, stoppte ein Auto vor seinem Haus. Er drehte sich um und sah eine junge Frau, die auf ihn zukam. Sie hielt einen Korb in der Hand. Erst als sie ins Licht seiner Verandalampe trat, erkannte er sie. „Guten Abend Cathy. Was für eine Überraschung. Kann ich etwas für Dich tun? Magst Du reinkommen?“
Sie winkte ab. „Nein, vielen Dank. Ich muss auch gleich weiter. Ich bin auf dem Weg zu Ruth. Aber ich habe etwas Suppe für sie mit gekocht. Ich hoffe Sie mögen Kürbissuppe?“
Barton war hocherfreut und nahm den Korb, den sie ihm reichte. „Du bist ein Engel, mein Kind.“
„Guten Appetit.“ Schon war sie um den Wagen herum und kletterte hinter das Steuer.
„Ach Cathy! Sag Henry, dass ich in den nächsten Tagen mal vorbei komme um nach seiner Frau zu sehen.“
„Mach ich!“ Sie winkte, als sie losfuhr.
Barton sah ihr hinterher, bis er sie an der nächsten Biegung aus den Augen verlor. „Diese Jugend. Immer in Eile.“
Du warst früher auch nicht anders, summte die Stimme in seinem Kopf. Und immer geradeaus durch die Wand.
„Ja, ich war schon ein sturer Hund… Früher.“ Er lächelte versonnen. „Kommt mir wie eine Ewigkeit vor.“
Der Schlüssel klirrte in seiner Hand und er schloss auf.
Sein Anrufbeantworter blinkte. „Acht Anrufe“, sagte er überrascht und drückte auf den Knopf. Es war Sandrine, die achtmal angerufen hatte. Er hatte ja schon Bräute erlebt, die kurz vor Ihrer Hochzeit nervös wurden und ihre Umgebung in den Wahnsinn trieben, aber Sandrine schoss tatsächlich den Vogel ab. Für ihre Hochzeit musste alles perfekt sein und am liebsten hätte sie auch ihm den Text diktiert den er während der Trauungszeremonie aufsagen sollte. Natürlich hatte er das abgelehnt. „Armer Tyrell“, sagte er schmunzelnd zu sich, während im Hintergrund der Anrufbeantworter die letzte Nachricht abspielte. Dabei war er Sandrine gar nicht böse, im Gegenteil, er mochte das Mädchen und freute sich für die beiden, aber was ihre Hochzeit betraf… er verdrehte die Augen zur Decke. „Weswegen hatte sie nochmal angerufen?“ Er winkte ab. „Das mache ich Morgen. Solange wird sie sich wohl gedulden können.“
Eine Stunde später, nach dem Essen, saß er in seinem Lieblingssessel und streckte genussvoll die Füße von sich, die in bequemem Hausschuhen steckten.
Neben ihm, auf einem Beistelltisch, spendete eine Leselampe ein wenig Licht für seine Abendlektüre. „Die sieben Säulen der Weisheit“, hatte er sich aus dem Bücherregal genommen. Während er las, entzündete er sich seine Pfeife und steckte die Streichhölzer gedankenverloren in seine Strickjacke, als er plötzlich eine Bewegung im Augenwinkel bemerkte. Eine Spinne war von der Decke, geradewegs in seine Teetasse gefallen. Schnell hielt er seinen Löffel bereit um das Tierchen zu retten. „Du hättest Dir aber auch einen anderen Platz zum Baden aussuchen können“, murmelte er tadelnd, als er die Spinne endlich mit dem Löffel erwischte und sie zum Fenster trug. Gerade als er mit seiner guten Tat zufrieden war und sich wieder seiner wohlverdienten Ruhe widmen wollte, stutzte er.
Ein knarrendes Geräusch an der Hintertür hatte ihn wachsam aufhorchen lassen. Da war es wieder. Die Scharniere quietschten. Einbrecher!, kam es ihm in den Sinn.
Mit einem entschlossenen Gesicht schnappte er sich seinen Stock und schlich den Flur entlang nach hinten. Er war kein ängstlicher Mann. In seiner Jugend hatte er sogar geboxt. Wenn es also jemand wagte bei ihm einzubrechen, dann könnte der was erleben. „Wer ist da!“, rief er und wunderte sich nicht, als er keine Antwort erhielt. Er sah schon, die Tür stand einen Spalt offen. Vereinzelte Nebelschwaden hatten ihren Weg in seinen Hausflur gefunden. „Hallo?“ Er hielt den Stock wie einen Knüppel, griff nach dem Türknauf und riss sie auf. Er sah nach links, niemand, nach rechts, nichts.
Dann fiel sein Blick auf den zugeknoteten Müllbeutel, der neben der Türe an der Hauswand lehnte. Ihm dämmerte es und er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Dummkopf, schallt er sich selber. „Du wolltest den Müll rausbringen und dann hat das Telefon geklingelt. Von wegen Einbrecher.“ Nun hatte er auch keine Lust mehr durch den Nebel zu den Mülleimern zu stapfen. So schloss er die Türe und kehrte in sein Wohnzimmer zurück. Dunkelheit erwartete ihn. Die Leselampe war aus, obwohl er sicher war sie angelassen zu haben. Bei einem Schritt vorwärts trat er auf etwas, das unter seinen Füßen knackte.

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